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Mai
2.
Mai 2001 Mit
Gewalt stob das Leben in meine Gasse. Nicht in mein Gegenüber, sondern
hundert Meter weiter zur Rechten. In die Wohnmaschine, in der es sich
von je her in übler Weise regt. Einen Hort der Säufer und Verlorenen warf
das Fatum und ein Architekt in den Sechzigern dort hin. Gestern Nacht
fuhr das Leben mit dem Tod hinein in diese Schwäre. Eine Frau erstach
ihren Mann, lief danach blutbeschmiert durch den Innenhof. Was mag sie
alles erduldet haben, bis sie zur Furie wurde? Bis sie dem Schläger, ihrem
entmenschten Entmenschlicher, den ekelerregenden Anhaucher, Anschreier,
Anfasser, das Blut aus dem Leib stach? Bis es zu diesem sie befreienden
vernichtenden Schnitt kam? Bis sie so besinnungslos war, den Hort der
Abscheulichkeit mit dem Hort im Eisen zu tauschen? Wären Frauen nicht
so duldsam, wäre so vielen nicht schon zur Kinderzeit Stolz und Selbstliebe
herausgeprügelt, herausgeschändet worden, lebten in dieser Schwäre von
Haus, hundert Meter zu meiner Rechten, etliche Mannsbilder gefährlich. Über
diesen Zeilen gingen mir gegenüber nacheinander die Lichter aus. Aus der
offenen Zimmertüre des Schnauzers scheint schwach das Pinkellicht im Gang.
Dämmerlicht noch bei der Fernsehsüchtigen. Sie wird es bald ausschalten.
Danach wird nur noch die Laterne leuchten, sich weiter Mücken im davor
gespannten Spinnennetz verfangen und durch mein Rollo wird mein Arbeitslicht
als rotes Schlaglicht in die Gasse fallen. Rotes Licht, Blutlicht, Lebenslicht
... 3.
Mai 2001 Die
Rote ist wieder im Gemäuer. Ich sah ihre geöffneten Fenster, vorgezogene
Gardinen verwehrten den Einblick. Ich sah sie hastig auf ihre Haustüre
zueilen, in Giftgrün für Rote gewandet. Mit kurzem schnellen Schritt zog
sie ihr Einkaufswägelchen. Der Eingang verschluckte sie und ihre Bewegung.
Irgendwann waren die Fenster geschlossen, und nichts deutete mehr auf
ihre Rückkunft. Verwundert
sah ich dem Studenten zu, wie er seine Fenster putzte. Der Grund hierfür
saß wenig später in seiner Stube, seine Eltern. Eine Studentenblume haben
sie ihm mitgebracht und auf die Fensterbank gestellt. Schlafenszeit
gegenüber. In der Bell Etage noch später Schein. Zubettgehen der Fernsehsüchtigen,
Familienpalaver hinter Baumwolltuch beim Studenten. Aufgeschlagene Bücher
bei den Namenlosen. Licht ohne Menschen. Eine Kulisse der Einsamkeit.
Ich denke an das Gemälde "Nighthawks" von Edward Hopper und
verwische die Verknüpfung sofort. Hopper malte Einsamkeit, indem er Menschen
malte, Menschen wie Gegenstände in Räume setzte, Menschen ohne Bezug zu
ihrer Umgebung, einsame Menschen. Hopper hätte nicht mein Gegenüber gemalt,
sondern mich, wie ich zu ihm hinüberblicke, beschienen von meinem Bildschirm,
eine einsame Seele in einer ihr fremden Welt. 4.
Mai 2001 Licht.
Im Glanz der Sonne reicht mein Blick nicht über die Gasse, sondern heftet
sich auf die grauen Flecken, die der Regen in den Staub auf meinen Scheiben
zeichnete. Ein dichtes Muster, blaugrauer Fleckchen. In ihnen bricht sich
das Licht zum Streulicht, überstrahlt meinen Bildschirm, die Schrift ist
nur noch Ahnung. Noch wenige Tage, dann muss ich zum Schreiben mein Rollo
senken. Ich werde mich darüber wie jeden Sommer grämen. Wenn mich die
Arbeit schon im Haus hält, so mag ich mich nicht in den Schatten zwängen. Licht.
Es lohnt die Mühe nicht, den Schleier vor meinem Fenster zu durchbrechen,
die mich blendende Lichtwand mit geschlitzten Augen zu durchbohren, um
mich an der Verschlossenheit meines Gegenübers zu stören. Ein
neues Taubenpaar scheint sich unter der Traufe einzurichten. Diesmal nicht
am alten verschrienen Nistplatz, sondern in der Mitte, ein Stück weit
vor den Kupferzähnen. Ich sehe sie als schwarzgraue Schatten vor dunklen
Kupferblech huschen. Licht.
Vielleicht sollte ich meine Scheiben putzen. Vielleicht. Indes wirkt der
Blick auf den Staub der Scheibe nicht weniger beflügelnd. Ich denke über
das Wetter nach, sehe Landschaften, Bewegung, Harmonie und Kontrapunkte
und sehe meine Linien und Inseln, an denen meine Gedanken entlanggleiten
und verweilen. Gedankenmuster im Sonnenschein, so schön können verschmutzte
Scheiben sein. 5.
Mai 2001 Auf
dem Dach steht die Rote, pudelnass vom Regenguss, das Haar in dünnen Strähnen,
das Kleid angeklatscht am hageren Körper, ihre Knochen zeichnen sich ab.
Eine quicklebendige Wasserleiche. Sie hält die Arme ausgebreitet, dreht
sich mit dem Wind und wartet auf den Mondaufgang, um sich in seinem Schein
zu trocknen. Der fast volle Mond wird aufgehen, aber er wird nicht scheinen.
Wolken verbergen die aufziehende Nacht. Also wird sie wieder zurück in
den Kamin fahren und sich fröstelnd hinter ihren Gardinen verbergen. Dabei
endet die Heizperiode erst zum 15. Mai, sie könnte sich noch an ihrem
kalten Ofen wärmen. Weitere
Lichter sind hinzugekommen, funzeln vor sich hin. Es ist ein kalter, nasser
Abend, zu dem man in seinem Zuhause die Höhle sucht, sich abschließt,
in warme Decken kuschelt und sich am Weltuntergang erfreut. Hier in der
Höhle mag man die Sintflut überstehen. Erlebte Mythen, wie ehedem und
ewig während. 6.
Mai 2001 Ich
könnte ihr ja hinüber rufen, welchem Missgeschick sie sich aussetzt, doch
ich will sie nicht kompromittieren, schließlich wähnt sie sich bei ihrer
drolligen Hexerei unsichtbar. Überhaupt sollte sie die Ausfahrten durch
den Kamin bleiben lassen, sie beschmutzt sich nur mit Ruß und wird doch
niemals über ihren First hinaussteigen. Dazu müsste sie zerpulverte Krötenzungen
in frischer Schlangenpisse lösen, was sie jedoch nicht einsehen will.
Sie ekelt sich vor Schlangen. Nachtgrau
fern ruht mein Gegenüber vor mir. Mein Blick ist müde. Nichts spricht
ihn an. Eine anthrazitgraue Tafel werde ich malen, mit kräftigen kupferroten
Wischern, die Rote in ihrem Gemäuer, und mit eisgrauen Sprenkeln werde
ich die lähmende Kälte hinzusetzen. Ich
habe das rote Rollo gesenkt. Wärme umfasst mich. Mein Blick ist wieder
bei mir. 7.
Mai 2001 Belasse ich es dabei, und schreibe nicht, was mir dagegenspricht. Andernfalls würde ich mir den aparten Gedanken verderben. Der Schlaf ist der Vorgarten des Paradieses. Basta! Still mein Gegenüber, dunkel und nachtlichtig. Welche Träume wird es heute Nacht beherbergen? Welche Träume werden zu Tage in ihm geträumt? Wer mag die Schäume deuten ... 8.
Mai 2001 Sylt. Ich blicke hinüber auf die Absprengung an den Ziegeln links der Gerüstöse. Dort liegt es, ein zementgraues Inselchen im gelben Ziegelmeer. Wären die Ziegel größer, könnte ich mit den Augen Pflastertreten spielen, so wie ich es auch heute noch gelegentlich tue. Allerdings klappt es nicht mehr so wie einst, die Füße sind seit 35 Jahren zu groß dafür. Gleichwohl lockt mich dieses Spiel immer wieder. Was lockt mich heute an meinem Gegenüber? Wenig, sehr wenig. Es ist mir ein angenehmer Reflektor für das allmählich durchbrechende Sonnenlicht, mehr nicht. Mehr ist nicht. Die einzige Bewegung, die ich wahrnehme, ist der Schreibarm des Schnauzers in seiner kuhgescheckten Hausjacke. Gleichmäßig wandert er übers Papier und zieht zum Zeilenende den Kopf mit zur rechten Blattkante. Sonst lockt mich nichts. Es ist zu hell, um Dinge zu sehen, die man sonst nicht sieht, und noch zu kühl, als dass mich die Mittagsgeister verwirren könnten. Also sehe ich die Rote nicht im Absonderlichen, ebenso wenig die anderen Gestalten dort. Und auch den Schnauzer sehe ich nicht an der Wand schaben, um sich einen Durchstoß zur Roten zu verschaffen. Dabei würde er so gerne seinen Kopf in den Anus der dort versammelten Weltweisheit drücken. Denn über so viel Weisheit verfügt auch er, dass an aller Weisheit doch nur wichtig ist, was am Ende dabei herauskommt. 9.
Mai 2001 Indessen hat die Rote beschlossen, sich zu plätten und in die mütterliche Briefmarkensammlung einzureihen. Der Leblose liegt unbewegt vor seinem geöffneten Fenster und lüftet sein Skelett. Eine weise Voraussicht bei der zu erwartenden Mottenplage diesen Sommer. Der Schnauzer hat auf meinen Gedanken hin nun doch damit begonnen, die Brandmauern zum Nebenhaus aufzukratzen. Frau und Töchter helfen ihm dabei. Macht er den Durchbruch groß genug, kann er sowohl in die Etage der Roten als auch in die des Studenten kriechen. Maienfrische lüftelt. Müde Geräusche in der Gasse. Eine Spinne hat ihr Netz links unten vor mein Fenster geknüpft. Grund genug, das Fensterputzen noch für eine Weile zu verschieben. 10. Mai 2001Abendstimmung. Ein Stunde zuvor läuteten die Glocken von Sankt Maximilian zur Vesper. Mein Gegenüber strahlte rotgolden. Jetzt singen die Vögel ihr Nachtlied. Hoch im Himmel kreisen die Schwalben. Sandfarben mein Gegenüber. Keine Bewegung. Unbewegt liegt der Schnauzer auf seiner Couch, hält die Arme hinterm Kopf verschränkt. Es scheinen lange Gedanken zu sein, denen er nachhängt. Rührt er sich, zerreißt der Faden und das Buch bleibt ungeschrieben. Ach, wie viele Bücher habe ich auf diese Weise schon verloren. Ein Anruf zur falschen Zeit und der Einfall zerstieb. Mittags sah ich kurz die Rote hinter dem Hausmeister hereilen. In ihrer Hast verkürzt sie ihre Bewegungen, um die nächste rascher zu setzen, der schon wieder eine nächste folgt. Deshalb tippelt sie wie eine Chinesin, der man die Kindesbeine zu Teefüßchen wickelte. Sie indes muss niemand binden. Sie fesselt sich selbst. Mit der aufkommenden Nacht rötet sich mein Gegenüber wieder. Stubenlichter flammen dazu, im passenden Ton, rotviolett beim Schnauzer, gelborange bei den Unscheinbaren, mandarin am Wickeltisch der Fernsehsüchtigen. Sie wickelt ihr Kind zur Nacht. Mutterblick. Abgeschaut aus unzähligen Seifenopern. Leben aus zweiter Hand. 11.
Mai 2001 Grün geschmirgelt wirkt das Kupferdach. Die Rote ließ den Grünspan in Tuben kommen und mit abgelegten Feinstrumpfhosen auftragen. Hätte Sie ein wenig Feuchtigkeit dazugenommen, würde das Dach glänzen wie kaiserliche Jade und läge nicht so stumpf unter der Sonne. Würde sie ihre Schuhe entsprechend der Gepflogenheit putzen, wüsste sie davon. Sie würde den Lappen in Wasser tauchen, ehe sie die Schuhcreme aufnimmt. Risse im Leder würde sie mit einem Hirschknochen und Paste behandeln. Danach würde sie die Schuhe über Nacht auf dem Spanner ruhen lassen, um sie anderntags zu polieren. Erst mit dem Wollappen, dann mit einem abgelegten Nylonstrumpf und abschließend mit der Dachshaarbürste. So glänzen Schuhe schöner wie neu. Ich werde ihr diese Zeilen in den Briefkasten stecken, und sie wird darauf das Dach wienern, dass es eine Pracht ist. 12.
Mai 2001 Und so sehe ich mein Gegenüber in seltsamen Nachtblau vor mir und frage mich, woher das Licht kommt. Ist es der Widerschein meines Bildschirmes, ist es Feenwehen oder sind es die Träume der Roten? Ich meine fast, es ist der Alb der Roten, da es vor ihren Fenstern besonders kräftig bläut. Nein, nein, lass dich nicht irre machen, es ist der Ausfluss der versammelten Weltweisheit, die dort drüben in ihrer Etage endlich zu Potte gekommen ist. Zu Potte kommen musste, da die Rote ihre Bleibe wieder beansprucht und die Weisen von Akasha zurückkehren werden in die hirnlähmende Kälte des Himalajas. Nun also bordet sie über, die Weisheit, schwappt in die Gasse, verflüchtigt sich und weht in alle Winde, verdünnt sich zur höchsten Potenz und wird darob nur Homöopathen erreichen. Nur sie sind in ihrem Glauben an Samuel Hahnemann ausreichend sensibilisiert für solche Dosen. Also werde ich Unwissender, ich Unberührter, rasch zum nächsten Hinterhofquacksalber eilen, - sei's drum, ob mit oder ohne Wehwehchen, gesund ist eh kein Mensch, kaum beginnt ein Leben, beginnt schon sein Verfall, - also werde ich dorthin eilen und mir die Weisheit, wieder niederpotenziert, in Globolis gepresst, unter der Zunge zergehen lassen. Michelle singt in Kopenhagen, das Töchterchen des Schnauzers hat aufgegeben und den Fernseher ausgeschaltet. Ein kluges Kind ... 13.
Mai 2001 Muttertag. Die Schnauzerfamilie zog mit Sack und Pack zum Picknick ins Grüne. Er in kurzen Hosen und Leiberl, als Bübchen verkleidet. Dafür hatten Mama und Tochter die langen Hosen an. Nach langer Zeit ein erster sonniger Sonntag. Heute sind Parkplätze in meiner Gasse wohlfeil. Ich liebe solche Sonnentage in der Stadt. Was die Rote wohl treibt? Besucht sie nun die Mutter zu Kuchen und Kaffee im Altersheim, oder mit einem Sträußerl auf dem Friedhof? Nachdem niemand mehr Trauer trägt, stellen sich solche Gedanken ein und bleiben Kondolenzen aus. Sonnenkreise auf meinem Gegenüber. Lichtgescheckte Fassade vom Widerschein meiner Seite. Schatten an den Simsstreben. Schatten zur Unzeit. Die Sonne scheint mir auf den Bauch, überblendet den Bildschirm, meine Worte fallen ins Unsichtbare. Widerwillig senke ich mein Rollo, um den Text von gestern zu korrigieren. 14.
Mai 2001 Gegen Mittag standen zwei Männer vor meinem Fenster. In einem Korb, vom Kran gehoben, schraubten Sie an der Laterne, spannten neuen Kupferdraht über die Gasse und hängten die Lampe zurück. Der eine sah mal kurz zu mir herüber, kein Wimpernschlag und schon war seinen Blick verloren, entleert von Licht und Grund: Silberblick an mir vorbei, gleich der Katze, die ihr Spiegelbild nicht mehr beachtet. Der zweite war routinierter im Vorbeischauen; er musste nicht mehr wegschauen, weil er nicht mehr hinsah, wenn er hinsah. Er agierte wie ein Schauspieler im Schlaglicht. Sein Kreis ist seine Welt, alles andere - Kulisse. Nun ist sie gespannt, die Kupferbrücke über die Gasse, fügt sich zum Braun des Rahmens, zum Schummerlicht des Schnauzers, und wird irgendwann und unbemerkt ein grüner Strich zwischen uns sein. Seine Töchter werden sich dann nicht mehr auf seiner Fernsehcouch lümmeln und wir werden immer noch nicht miteinander gesprochen haben. Und keinem wird die Veränderung auffallen. Der Draht wird eine Weile grün sein, dann werden wieder Männer vor meinem Fenster im dritten Stock stehen, um einen Draht zu tauschen ... 15.
Mai 2001 Gegenüber ein klares Bild. Licht vor weißer Wand. Nach oben hellgelb, zu den Seiten orange ausblutend. Tochter und Vater blättern einen Atlas, nun reden sie über Gott und die Welt. Es scheint ein großes Thema zu sein, denn ihre Hände führen große Gesten. Schwefelgallig der Himmel, der Regen wird heftiger, die Luft ist um Grade kälter. Jetzt gießt es sintflutig, fette Strahlen, als sprudelten hundert Wasserhähne in dichter Formation. Zum
Wochenende stand in der Süddeutschen was über Autorenseiten, über die
Tagebücher, von Hinz und Kunz im Netz. Die übliche Ironie, ein bisschen
Geseier über Popliteratur ... mir soll es recht sein, für 2,50 pro 35
Anschläge, lässt sich leicht labern und die Vorurteile bedienen. "Für die meisten Menschen ist das Internet
ein riesiger Müllhaufen. So einer wie am Stadtrand von Bombay. Die Benutzer
klettern darauf rum - in der Hoffung, etwas Brauchbares zu finden,"
so Joseph Weizenbaum Quelle: http://www.facts.ch/stories/internet/0109_sz_int_weizenbaum.htm
Und
Autoren pflanzen ihre Texte hinein, mitten hinein in den Müll, in der
Hoffnung auf was? Auf Leser? Einen Leser im Netz zu finden, das ist
wie Trüffelsuchen ohne Trüffelschwein. Und doch verwehen Sporen und
wachsen Trüffeln ... Das
Gewitter ist vorbei, ein wenig schont es noch. Regennass eingespeckt
gleitet mein Gegenüber in die Nacht. Ein wenig erinnert es mich an die
schwarzpolierte Eiche düsterer Wohnstuben´... der Duft von ausgelassenem
Speck steigt mir in die Nase ... unten, bei der Nachbarin brennt Erbsensuppe
an. 16.
Mai 2001 Die Sonne rückt von meinem Gegenüber, noch ein schmales Scheinen an auskragenden Simsen. Die Eisheiligen sind vorbei, gestern war die kalte Sophie, heute ist Blumenpflanzen, Geranien, Petunien, Fuchsien. Nichts davon bei der Roten, nichts und einfach gar nichts. Die Fenster sind geschlossen, der Brauch gebrochen ... Für was diese Übertretung, diese Missachtung? Blumenpflanzen ist nach den Eisheiligen, davor pflanzen Verrückte und Besserwisser und danach die Verschlampten, die Nachäffer, die nie wissen, was der Brauch gebietet. So war es und so ist es, und nun das: Sie tanzt aus der Reihe. Dieses Jahr keine Blumen pflanzen, die einzige Möglichkeit für sie, sich aus der Affäre zu ziehen. Mal sehen, was uns blüht ... Ein Täubchen sitzt auf dem Sims vor der Traufe. Sie haben sich nicht eingenistet, keine Schütte zusammengetragen, es ist ein Plätzchen zur Mittagszeit geworden, aber keine Bleibe. Lange blühte ohnehin nichts bei der Roten, schon Mitte September ließ sie die noch blühenden Kästen wieder von den Fenstersimsen räumen. Jetzt, wo ich bald ein dreiviertel Jahr mein Gegenüber betrachte, bemerke ich, wie wenig Bewegung ein Leben ist, wohl deshalb kann eine winzige Veränderung eine Welt verändern, ja aus den Angeln heben ... 17.
Mai 2001 Die
anhaltende Abwesenheit des Studenten bewahrt die Ordnung in seiner Stube.
Die Lilie im Fenster ist verblüht. Die anhaltende Abwesenheit der Tauben
auf dem Giebel des Fensters führt zu Ordnung; der Regen verwäscht den
weißen Kot. Die
Schlafkammer daneben ist vom blauvioletten Vorhang verdeckt. Die anhaltende
Verweigerung des Einblickes bewirkt, dass sich die Ordnung des einen
Raumes als Vorstellung in den anderen Raum überträgt. Das Ungesehene
erfährt Struktur durch das Gesehene, das Verwandte wird zur Entsprechung.
So simpel ist Magie. Doch Vorsicht, das Einfache ist oft das Schwerere! Daneben
die Schlafkammer der Fernsehsüchtigen. Auch hier sind die Gardinen vorgeworfen.
Baumwollfarben. Hier formt indes steter Einblick das Vermutete: das
Kind schlafend in der Wiege, daneben das aufgeworfene Bett. Der Comiczeichner schellt und kratzt meine Gedanken von der Oberfläche meines Gegenübers. 18.
Mai 2001 Im
linken Augenwinkel das Kammerfenster der Mutterstube, es pendelt im
Wind. Ein Holzkeil verhindert, dass es in den Rahmen fällt. In der Kammer
daneben ist das Fenster gekippt. Zeichen der Anwesenheit, doch die Rote
hält sich verborgen. Welches Gelübde mag sie nur in die Abgeschiedenheit,
ins Verborgene zwingen? Ein Eid, von der Mutter abgetrotzt, nachdem
die unkeusche Schwangerschaft im Verborgenen ausgetragen und das Bündel
an ferne Verwandte gereicht wurde? Eine stattliche Alimente verbarg
die Schande. Nein, denke dir was anderes aus, heute sind die Dramen
simpler, kein verleugneter Kegel rührt noch die Herzen der Milchmädchen.
Der leise Wahn, das Psychodrama will erzählt sein, die Geschichte vom
verängstigten reichen Aschenputtel, dass in seiner Küche Linsen verliest,
während sich unter seinem Kammerfenster, fesche Burschen aus unerhörter
Liebe die Adern öffnen. Das
sind Dramen, die auch den Aidsbeauftragten der Stadt nicht unberührt
lassen, schließlich könnte jemand in die verseuchte Plempe der verschmähten
und selbstgemeuchelten Lustknaben tappen ... Ich sollte der Roten besser
einen diskreten Hinweis geben. Das
Spinnennetz vor meinem Fenster ist vom Regen durchlöchert. Das Fragment
hat die Spinne aufgegeben. Reparatur zwecklos. Dafür entfaltet sich
im Studentenzimmer gegenüber das Gespinst des Wäscheständers. Ich werde
meine Spinne hinübertragen, womöglich nährt sie sich auch von Filzläusen,
Hausmilben und anderem Gekräuch. Sonnenschein und weiße Wolkenwatte, das anfängliche Geschwätz vom Regen ist vergessen. 19.
Mai 2001 Entschieden
sind die Bierdimpfel, die von Ferne hupen und grölen. Sie werden sich
diese Nacht besaufen und Schinkennudeln vor die Laternenpfähle kotzen.
Der FC Bayern ist deutscher Fußballmeister geworden. In
meinem Gegenüber sprang darob niemand in die Höhe. Kein Fenster wurde
aufgerissen, noch rot-weiße Fahnen geschwenkt. Die Fenster bleiben verschlossen,
keine frische Luft weht hinein und keine überspannte Regung zieht hinaus. Bei
den Unscheinbaren sind seit Tagen die Rollos gesenkt, man liegt wohl
eine Flugreise weit unter der selben Sonne, die hier den Mai kaum wärmt.
Beim Leblosen steht seit gestern ein Fenster auf Kippe. Das einzig offene
Fenster im Haus. Gestern
hat die Schneiderin ihren Laden geräumt. Ich sah sie nicht. Sah nur,
dass das Tuch im Schaufenster fehlte, sah dann die leere Kleiderstange
... Aus. Sollte sie dereinst ins Scheinwerferlicht rücken, wird sie
Cinderella-Geschichtchen von ihren Anfängen in meinem Gegenüber zu erzählen
wissen ... Wie aber werden die Geschichten klingen, sollte sie als Änderungsschneiderin
enden? Wie wird sie dann diese Zeit des Aufbruches schildern? ... Nicht
das Geschehene schreibt Geschichten, sondern allein der gegenwärtige
Blick zurück. Gut,
dass ich gestern die Spinne nicht hinübertrug in mein Gegenüber. Schöner
und regelmäßiger als zuvor spannt sich ihr Netz vor meinem Fenster.
Sie hat die Wetterschäden ausgebessert. 20.
Mai 2001 Fernsehen
zur Linken, ansonsten dunkle Laibungen, darunter, darüber, daneben.
Heller die Höhlenglasungen dort, wo Tücher das Licht der Laterne reflektieren.
Gelb das Scheinen, und doch nicht gelb. Es ist ein wächsernes Gebilde,
zeigt zugleich Oberfläche und Tiefe und im Hinblick weder das eine noch
das andere. Ein
Stern im hellen Nachtblau der aufziehenden Nacht. Er funkelt neben dem
vom Stahlzylinder gekrönten Kamin. Brüchig und fehl am Platz wirkt die
Stele neben solch himmlischen Glanz. Ein Stern: vermessen, benannt,
katalogisiert, bekannt ... und doch ein Wunder. Eine
daumengroße Spinne wanderte um diesen Text, mir graute. Ruth fing sie
ein und warf sie aus dem Fenster. 21.
Mai 2001 Taubenhektik
auf dem Traufensims. Es sind die Blaugrauen, die mal wieder so tun als
ob ... Unter die Traufe schlüpfen, in die Rinne springen, Asterl tragen
und mit den Köpferln wippen. Hektisch sind sie. Das Gescherr fügt sich
dem Herr. Rote Hektik ums Gelege. Das wird keine Brut, das wird Krampf. Fahrige
Striche, hektischer Schiss vom Schneefänger aufs Blechdach gedrückt.
Verwaschene Taubenkleckse, weißgraue Spuren auf bleigrauem Kupfer. Das
wird keine Brut, wenn keine Zeit zum Koten bleibt. Wer beim Kacken nichts
liest, hat keine Achtung vor Geschriebenem. Hektische Kacker bauen nur
Scheiße. Genug
der assoziativen Schlenker. Verknüpfungen, Gedankensprünge, Einfälle
und Hintertürgedanken, durch die Brust ins Auge, dreimal durch die kalte
Küche ... mehr gibt mein Gegenüber nicht her. Ziegelsprünge, Einblicke
hinter halbe Gardinen, Aufgeräumtheiten und Unordnungen. Nackter Oberarm
des Schnauzer im Leiberl, im Licht daneben Todesblüte des gilbenden
Aarons, fünf, sechs Blüten auf einmal, ein Totschlag vor vier Wochen,
nur eine Minute weiter rechts ... und da klagst du über mangelndes Geschehen
... Von solchem Geschehen zehrten einstmals ganze Landschaften ...
Vor
meinem Fenster flammt die Laterne auf. Der Schnauzer, in kurzer Hose
und Trägerhemdchen auf seiner Couch lümmelnd, winkt seiner Frau, das
Rollo zu senken. Offenbar blendet ihn das Neon beim Blick in die Röhre.
Unterm halb gesenkten Rolladen sehe ich nun seine nackten Extremitäten.
Knochen, Muskel, Babyspeck. Der
Himmel hat sein Grau in kündendes Nachtblau getauscht. Ich nenne es
die Marienstunde, diese kurze Weile zwischen Abend und Nacht, in der
die ersten und die schönsten Sterne zu glitzern beginnen und der Himmel
so mondenblau leuchtet wie der Mantel der Gottesmutter. Einsame Lichter beim Leblosen. Mit dem Telefonhörer am Ohr tappt er durch die Aquariumsgaube. Es ist der zweite Blick, den ich an diesem Abend von ihm erhasche. So viel Leben auf einmal verwirrt mich. Ich senke mein Rollo, versperre mich den leblosen Eskapaden und verriegele meinen Blick vor dem Beinfleisch des Schnauzers.
Sie
wissen, dass ich sie beobachte; dass ich über sie schreibe; dass ich
ihre verborgenen Gedanke lese, sie ans Licht zerre; dass ich sie bloßstelle;
dass ich sie verhöhne - dass ich mich verrate. Darum
verbergen sie sich. Weichen meinen Blicken aus. Rücken in den rückwärtigen
Stuben zusammen. Verlassen die Häuser nur noch über die Hinterhöfe oder
durch die Kanalisation. Tragen nichts mehr hinaus und nichts mehr hinein.
Darum verlangsamen sie auch ihre Bewegungen, sobald sie mein Auge spüren.
Bewegen sich in meinem Blick nur faultierartig, fügen sich als Schatten
in den Hintergrund. Keine
Preisgabe mehr, keine angedeuteten Geheimnisse, indem sie sich nicht
mehr zeigen, entziehen sie mir das Wort, bewahren sie mich vor meiner
Bloßstellung. Welch ehrenwerte Gesellschaft! Doch
Halt! Ist das so? Ist das wirklich so? Oder ist es nicht doch ein infamer
Streich, den sie dort drüben wider mich verabredeten? Ja gewiss, es
ist ein böser Streich. Denn indem sie sich nicht mehr bewegen, mir alle
Lebenszeichen verweigern, locken sie mich aus meiner Reserviertheit,
zwingen mich zum Fabulieren und Deuten. Also kehre ich geschwätzig mein
Innerstes nach Außen und entblöde mich, entblöde mich in aller Einfalt
... Nein,
ich werde mich künftig zwischen den Lamellen meines Rollos verstecken,
meinen Kopf hinter den Bildschirmen versenken und um die Ecke linsen.
Besser noch, ich male meine Scheiben schwarz an und kratze kleine Gucklöcher
hinein. Ich werde sie überlisten da drüben. Sie werden ihre Hosen runter
lassen und ich werde es sehen. Die Rote hat ihre Fenster geschlossen. Nur ihr sommerbesprosster elfenbeinfarbener Unterarm war zu sehen. Es nützt ihr nichts. Der Hubschrauber von Pro 7 kreist über ihrem Hinterhof. Wir zehren Sie ans Licht, heute abend noch werden wir sie neben der Muttermumie im Fernsehen sehen. 24.
Mai 2001 Ich
könnte einen Schlenker anbringen, um vom Triumphzug des FC Bayern zu
erzählen und davon, dass ich nur ein paar Schritte entfernt in aller
Ruhe beim Kaffee unter einer Linde saß, umschnattert von den Rotoren
der Hubschrauber der Fernsehgesellschaften, abgelenkt durch ein Lektorat,
Änderung und Sinn zusammensuchend, das Knattern überhörend. Freilich
empfände ich solches Erzählen als zu konstruiert und werde deshalb diesen
Schlenker vermeiden. Ich
blicke hinaus, mittlerweile ist es Nacht geworden; ein Fernsehspiel
lenkte meinen Blick von der anderen Seite. Ich blicke hinüber, sehe
nur noch spätes Licht bei der Fernsehsüchtigen. Auch dieser Vatertag
ging ohne Exzess vor und in meinem Gegenüber vorüber. Sind die Menschen
wirklich so brav geworden, oder war ich nur zu meiner Zeit so krass?
– Als ich später vom Hofgarten kommend über den entleerten Marienplatz
schlenderte, kehrten die Kehrmaschinen Mengen leerer Limonadenflaschen
in ihren Bauch, nur wenige Bierdosen lagen dazwischen. Offensichtlich
ist die Welt doch gründlich anders als uns Fernsehen und Boulevard erzählen.
Man sagt ja auch, unser Kanzler wäre nur einen Meter sechzig groß und
trüge Schuhe mit erhöhten Absätzen und gedoppelten Einlagen. Im Fernsehen
sieht man das nicht. Ich
sollte mal die Fernsehsüchtige nach der Welt befragen. Es könnte ja
sein, dass wir beide auf völlig unterschiedlichen Planeten leben ... 25.
Mai 2001 Nun
sitzt sie in Berlin vor einem Laden, raucht und plaudert und sieht gezielt
an den Menschen um sich vorbei. Vorbei ... Das Spinnennetz in meiner
Fensterecke ist wieder rund und löchrig. Drei
Blütenbälle blaue Hortensie im Fenster der Fernsehsüchtigen. Kleinpalmenspagat
im Fenster neben dem Wickeltisch. Cremeweiß verhangene Schlafkammer,
daneben blauviolett verhüllte Schlafkammer, daneben entleerte Studierstube.
Weiter in der Flucht die Namenlosen, Gardine vor, Gardine zur Seite,
Fenster offen, blau-weiß gestreifte Bettwäsche ... und so weiter und
so weiter: Aufzeichnung der Bewegungslosigkeit. Der
Aaron im Fenster des Schnauzers scheint wirklich am verrecken zu sein.
Sechs Blüten zähle ich über gelbem Blattwerk. Schiebt er die siebte
Blüte, blüht ihm der Tod.
Ohne
die Lebendigkeit des Schnauzers, heute übrigens in Kniebundlederhosen,
unbestrumpften Waden und knallblauem Polohemd ... Ohne seine sparsame
Lebendigkeit, hätte ich heute wieder nur protokolliert: Fernsehsüchtige
vor der Glotze; Rote versteckt; Student verschwunden; Lebloser leblos;
Unscheinbare unscheinbar; Tauben nicht da, Dach gleichwohl weiter verkackt. Bla bla, blubb. Ein Tag, ein Sonnentag, die Sonne auf ihrer Reise von Horizont zu Horizont, begleitet vom unsichtbaren Neumond, Lichtflecken zeichnend, zügiger Farbwechsel. Ein Tag, ein Sonnentag, ein Tag Leben, ein Tag Verfall, irgendwann, wenn niemand mehr die Tage zählt, wird der Wind die letzten Spuren tilgen, und irgendwann wenn alle Spuren verweht, wird die Sonne die Geschichtslosigkeit schlucken, und irgendwann wenn die Sonne verglimmt, wird ... wird nichts ... wird Schönheit ... Schönheit, die von Anbeginn in allem scheint ... 27.
Mai 2001 Bittersüße
Melancholie scheint auch dem Schnauzer in die Glieder gefahren zu sein.
Im Trägerleibchen und grauer Short schlappt er durch seine Wohnung.
Es ist der Kater vom gestrigen Fest, der ihn niederdrückt. Eine ansehnliche
Zahl von Leuten waren seiner Einladung gefolgt, sie bewegten sich im
Wohnzimmer nach der Musik, standen in der Küche und saßen bei Kerzenschein
im Nebenzimmer. Bis in den Morgen hinein dauerte sein Fest und erst
allmählich verloren sich seine Gäste. Heute,
um ein Jahr gealtert, rückte er unlustig seine Möbel wieder zurecht.
Jetzt lümmelt er, um ein Jahr gealtert, behäbig, satt und erschlafft
auf seiner Couch und glotzt in die Fernsehecke. Es ist das Loch, das
er seinerzeit in die Mauer stemmte, das er im Blick behält. Er wartet
darauf, dass die Rote zur Öffnung kriecht und vorsichtig zu ihm hinüber
lugt. Sobald er sie im Blick hat, wird er sie auslachen und ihr die
Zunge zeigen. Sie wird zurückschrecken und sich schämen, dass sie ertappt
worden ist. Darüber wird sie ihre Empörung über das Loch in der Wand
vergessen. Später wird es ihr peinlich sein, ihr verspäteten Ausdruck
zu verleihen. Also wird das Loch in der Wand bleiben. Der Schnauzer
wird es darauf wieder zukleistern. Der Scherz ist gelungen. Ich
werde die Melancholie in Rauch auflösen. 28.
Mai 2001 Nun
ist der Adler eine Taube, und die Meise ist dieselbe Taube, die sich
nicht aufs Gefieder, sondern ins Nest kackt. Und mein Gegenüber ist
kein Taubenschlag, in dem es ein- und aus- und zugeht, sondern eine
hübsche Fassade hinter der Menschen ihr Leben verlieren. Daher muss
ich nicht warten bis es Nacht wird und das Leben auf die andere Seite
flieht. Es wird es nicht tun, sondern dort bleiben, wo es gelebt wird.
Daran ändert auch eine zwischendurch aufflatternde Taube nichts. Das
Neugeborene macht sich in die Windeln, die Mutter der Roten ebenso oder
nicht mehr: Zurück zu den Wurzeln, der Kreis des Lebens, Geburt und
Wiedergeburt ... Nur ein Jahr lang muss man das ewig gleiche beäugen
und ... Und was? Man löst ein Koan. Und wer ein Koan löste, weiß, dass
er mit der Lösung allein bleibt. Das Spinnennetz vor meinem Fenster scheint ein Klappnetz zu sein. Heute ist es nur noch eine fragile Ruine, wie schon so oft. Morgen wird es wieder rund und ein wenig löchrig sein, wie schon so oft. Vielleicht ist es eine junge unerfahrene Spinne, oder aber eine alte, deren Erfahrung nichts mehr taugt, da sie vergisst. Wie so oft.
Während
des Tages knappe Bewegungen in der Etage der Roten. Lüften und unsichtbares
Fensterschließen. Sie ist die einzige, die regelmäßig lüftet. Beim Schnauzer
sah ich noch nie ein offenes Fenster. Doch! Gelegentlich stand das Oberlicht
auf. Er scheint bei seiner sparsamen Tätigkeit nur wenig Luft zu verbrauchen.
Oder ist er ein Autoerotiker, der sich an seinem eigenen Mief erregt?
Vielleicht trägt er deshalb seine Hemden eine Woche lang oder bewegt
sich so gerne im ärmelfreien Leibchen. Da er nicht raucht, wird sein
Odeur für sich allein atemberaubend sein. Nur gut dass er die Fenster
geschlossen hält, es könnte mich sonst über die Gasse hinweg ein anderes
Düfterl anwehen ...
Zuvor
stand ich vor der Haustüre, wartend in der Sonne. Dann wechselte ich
hinüber in den Schatten. Blickte in den ausgeräumten Schneiderladen.
Die Reste der Einrichtung werden demontiert, bald wird er wieder leerer
weißgestrichener Raum sein. Der leere Raum als Matrix für das Entstehende,
gleich dem leeren Blatt, der leeren Leinwand, dem leeren Screen. Wer
die Leere nicht achtet, wird ...? – weiß nichts von der Fülle! Ich
wechselte wieder auf diese Seite, um gleich darauf erneut den Schatten
der jenseitigen aufzusuchen. Die Klingelschilder wollte ich sehen. Zum
ersten Mal seit ich darüber schreibe, nach einem dreiviertel Jahr des
Wähnens und Mutens, näherte ich mich dem Eingang meines Gegenübers,
warf einen Blick auf seine Klingeltafel. Vier
Doktoren leben auf der anderen Seite. Also ein nachdenkliches Haus.
Was noch? Mutter und Tochter tragen verschiedene Namen. Nichtsagend!
Im Dach leben fünf Leblose. Vielsagend! Sehe ich doch immer nur den
einen. Also doch eine Mutantenbrutanstalt unterm heißen Blechdach. Oder
sind es die Namen der letzten vier Opfer, die er noch nicht vom Klingelschild
kratzte. Erst wenn er sich einen weiteren Knaben unters Dach lockt,
wird er den ältesten Namen von der Klingeltafel streichen. So erregt
er keinen Verdacht. Und die Rote wird die Opferknochen weiter zu stärkenden
Bouillons verkochen. Ach ja, kein Name für die rote Katze Parterre links.
Beachtenswert! Nichts neues also. Ich hätte ebenso gut auf meiner Seite bleiben können. Die Sonne ist mir auf den Bauch gerückt ... gleich wird sie mir ins Gesicht scheinen. 31.
Mai 2001 Mein Gegenüber ordentlich durchnässt und abgewaschen. Der Taubendreck nur noch kalkige Spuren. Ein solches Haus nährt und bindet. Stadtbauerntum. Großbauer, Kleinbauer, Häusler, Grattler. Ich lese von den Grabsteinen bei meinen Spaziergängen im aufgelassenen südlichen Friedhof: Realitätenbesitzer und Realitätenbesitzergattin. Haus und Hof, Weib und Kind und Kegel. Das ist es, was einen Menschen macht. Grundbesitzer, Hausbesitzer, Eigentumswohnungsbesitzer, Mieter, Untermieter, Obdachloser ... Hier Herr, da G'scherr. Der Regen lässt nur wenig nach. Links im Dach steht ein Fenster offen. An der Zimmerdecke der Roten wird sich ein feuchter Fleck bilden. Er wird ihr wieder Gelegenheit geben, an ihrem Besitz zu leiden. Ja, es gibt Sorgen, an denen man gerne teilhaben möchte.
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